PRAXISHILFE - Schriften der Jugendpastoral - Nummer 3 - page 28

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schriften der
jugendpastoral
im erzbistum köln
Jugendpastoral von den
Armen her denken
Hintergründe, Projekte und Methoden
praxishilfe Nr. 3
Zu meinen Lesungen kommen viele professionelle Helfer, Pädagogen und Mittelständler,
die eine Nah-Armuts-Erfahrung gemacht haben, aber wenig ›betroffene‹ Hartz-IV-Empfänger.
Veranstalte ich Workshops bei Trägern in schon bestehenden Gruppen, sieht das Interesse
anders aus. Am Ende ist immer die Angst vor dem Schlagwort ›Hartz-IV‹ dem Gefühl des
Verstandenseins und der Bestärkung gewichen. Allein mein Buchtitel und auch die eine
oder andere persönliche Einladung zieht noch nicht, egal, wie schön sie formuliert war.
Die Vorurteile überlagern alles, bis die persönliche Begegnung sie revidiert.
DIE KUNST, HILFE ANZUNEHMEN
Was die Armut in Deutschland ausmacht, ist nicht primär durch Hunger, Krankheit und
Trinkwasserknappheit gekennzeichnet: Es ist Armut im Sozialen, im Wissen um die Dinge wie
den Umgang mit Geld oder Ernährung, fehlender Glaube an Bildungs- und Aufstiegschancen,
an langfristige Investitionen und an sich selbst. Ironischerweise fehlt es genau an den Dingen,
die bei uns wenig kosten: Zugang zu Informationen, Internet, Büchern, Wissen, Zeit und Platz
für Kinder, damit sie sich austoben und entfalten können … Armut ist mehr als ein finanzieller
Mangel. Armut ist die Kombination vieler Mängel über eine lange Zeit, die sich vielleicht einmal
aus finanziellen Mängeln entwickelt haben. (S. 115)
Warme Schuhe, eine gute Jacke, das sieht jeder ein, aber wer würde zum Beispiel darauf
kommen, dass ein Sozialhilfeempfänger unbedingt rote Turnschuhe braucht, eine besondere
Opernaufnahme oder einen Computer? (S. 177)
›Arm sein‹ ist etwas, das andere über jemanden sagen. Arm sein, das heißt nicht nur wenig
Geld haben, es heißt arm dran sein, Mitleid nötig haben, abhängig zu sein vom Wohlwollen
Anderer. Wer arm ist, sich damit identifiziert und dies auch verbal formuliert, hat den
Zustand bereits akzeptiert und sich manchmal schon aufgegeben.
Unsere Verhaltensweisen sind in unterschiedlichen sozialen Räumen verschieden, je
nach­dem wie vertraut wir uns in ihnen fühlen, angefangen im Kindergarten, in der Schule,
gegenüber Gleichaltrigen, dann gegenüber Autoritätspersonen, in Vorstellungsgesprächen,
gegenüber Kollegen, gegenüber Vorgesetzten.
Ein aus meiner Sicht ganz wichtiges Thema ist die Fähigkeit, sich Hilfe zu suchen oder
Hilfe anzunehmen. Erfahrungsgemäß ist sie bei benachteiligten Kindern und Schülern
viel schwächer ausgeprägt als bei jenen, die mit der Selbstverständlichkeit eines
unterstützenden Netzwerks und Fürsprechern aufgewachsen sind. Ein Grund dafür kann
Scham sein. Das kenne ich von mir selbst. Vor meinem inneren Auge kann ich mich wieder
als Kind sehen, wie ich nicht zum ersten Mal vor der verschlossenen Klassentür stehe.
Wieder zu spät. Diesmal traue ich mich nicht rein und renne weg. Nichts wäre schlimmer,
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