PRAXISHILFE - Schriften der Jugendpastoral - Nummer 3 - page 27

27
Jugendpastoral von den
Armen her denken
Hintergründe, Projekte und Methoden
schriften der
jugendpastoral
im erzbistum köln
praxishilfe Nr. 3
Meine Mutter hat nie das Wort ›arm‹ für uns benutzt. Sie hat es einfach nie gelten lassen …
Sie hat mich glauben lassen, dass die Armen andere Leute sind als wir. (S. 120)
Mir ist bei meinen eigenen Veranstaltungen aufgefallen, dass ich oft Sätze höre wie:
»Ich habe Eileen und Paul eingeladen, denn ich dachte, die beiden könnten davon
profitieren, deiner Lesung zuzuhören. Die sind doch auch betroffen. Leider sind sie
nicht gekommen.« Enttäuschung. Warum haben gerade diese beiden sich nicht
angesprochen gefühlt?
Kann es sein, dass sie aus folgenden Gründen nicht gekommen sind:
ÒÒ
Weil sie gespürt haben, dass ihnen ein Angebot gemacht wurde, welches sie
der Kategorie ›Die Armen‹ zuordnet und damit erst recht stigmatisiert?
ÒÒ
weil ›Arm sein‹ und ›Hartz-IV Kind sein‹ keinen Identifikationsappeal hat.
Nicht wie: Ich bin Taylor Swift Fan. Ich bin Katholik. Ich bin Rapper.
ÒÒ
weil das Hingehen vielleicht ein Eingeständnis wäre, betroffen zu sein,
und Schamgefühle auslöst.
ÒÒ
weil die Einladung vielleicht einen Beigeschmack von ›Der glaubt also, ich hätte
es nötig‹ hinterlassen hat.
ÒÒ
oder es war ihnen zu langweilig, weil ihre Interessen gerade alle anderen Themen
abdecken als das abstrakte Thema Armut. Weil sie an Freunde, Schule, Eltern,
Stress zuhause, Krankheit, Zukunftsängste denken und diese Themen erst mal
nicht mit Armut in Verbindung bringen. Ihr Alltag ist ihnen zuerst Normalität,
nicht Betroffensein.
Ich glaube, ›Arme‹ - und hier greift die Definition der Einkommensarmut zu kurz – wollen
nicht zu ›den Armen‹ gehören. Sie wollen da angesprochen werden, wo sie sich identifi­
zieren. Sie wollen da angesprochen werden, wo sie an etwas teilhaben und ihr eigenes
Potenzial entdecken können, nicht nur dort, wo die Gesellschaft ihre Defizite sichtbar macht
und akuten Mangel deckt – was zweifellos wichtig ist und auch geschätzt wird.
Die Armutsdimensionen, die jedoch in unserem speziellen Fall am schwersten wiegt, liegt im
Sozialen. Abgesehen davon, dass wir viele kulturelle Veranstaltungen nie besuchen konnten,
dass wir nie ins Restaurant gegangen sind, nicht zum Friseur, nicht Kaffeetrinken und
unterwegs kostenpflichtige öffentliche Toiletten vermieden haben, hatten wir keine Bekannten,
kein soziales Umfeld, das hilfreiche Kontakte zu andere geboten hätte. Wir lebten wie in einer
Luftblase in unserer eigenen Welt, wie von einer gläsernen Membran getrennt von dem Alltag
mit Abendbrot und Spreewaldgurken, der in den meisten Familien ›Normalität‹ heißt. (S. 118)
1...,17,18,19,20,21,22,23,24,25,26 28,29,30,31,32,33,34,35,36,37,...48
Powered by FlippingBook